Februar 2019 – Zwischen Zeit

Diese Rückblicke sind wirklich praktisch, wenn ich mich wieder frage, wo eigentlich die letzten zwei Monate hin sind. Das Jahr des Schweins, Verschwörungstheorien, solidarische Städte, Typografie, Schussproben, Premieren und Recherchearbeit liefert zwar nicht viele vorzeigbare Bildergebnisse, trotzdem frisst sie jede Menge Zeit.

Ich habe außerdem das überregionale Seebrücke-Vernetzungstreffen in Bochum zeichnerisch begleitet. Dabei waren Vertreter zahlreicher Seebrücken der Umgebung, es wurden Erfahrungen ausgetauscht und gemeinsame Aktionen geplant. Definitiv Mut machend zu sehen, dass man nicht alleine ist und dass es auch über Demonstrationen hinaus Handlungsmöglichkeiten gibt.

Es ging unter anderem auch darum, geflüchtete Menschen mehr in die Arbeit mit einzubeziehen, um nicht immer als Stellvertreter für sie zu sprechen, sondern sie selbst zu Wort kommen zu lassen. So wichtig es ist, dass sie sich ebenfalls in ehrenamtlichen Gruppen engagieren, so sehr haftet ihnen auch das Stigma des „Flüchtling“ an, das sie nicht mehr loswerden.

Es wird also auch Teil der Arbeit bleiben, unseren eigenen Umgang mit von Flucht und Rassismus betroffenen Menschen zu reflektieren.

Endprobenwochen im Theater sind immer sehr chaotisch und kurzweilig, und für Eugen Onegin am Musiktheater Gelsenkirchen durfte ich einmal mehr Bücher gestalten. Und für das Duell nach der Pause den Schuss abfeuern. Das ist immer ein surreales Erlebnis. Einerseits ist es während des Stückes ein Routine-Einsatz für die Requisite, so wie Gläser annehmen oder Konfetti werfen. Andererseits ist es merkwürdig, so ein potentiell gefährliches Objekt einfach ‚in Spiel‘ zu verwenden. Denn es wird ein richtiger Revolver mit Platzpatronen eingesetzt. Ich glaube, es ist ganz gut, dass ich die Arbeit damit nicht als selbstverständlich sehe.

Und ich habe das Instagram-Bildformat verlassen und mich an komplexere Bilder und Geschichten gewagt. Jetzt muss ich nur aushalten, dass Dinge nun länger brauchen, um fertig zu werden. Aber eine Art Deadline gibt es schon, denn im Juli steht eine Ausstellung an …

Kontakt Seebrücke mit Übersicht der Seebrücke-Städte: https://seebruecke.org/lokalgruppen/

Kontakt Seebrücke Bochum:

Lokalgruppe der Seebrücke
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Der Versuch, mit Worten zu zeichnen

(ich tippe, mit 4 Fingern)

Ich vermisse das Zeichnen körperlich

Wenn ich könnte, wie ich wollte, glaube ich, dass die Bilder aus meinen Fingern herausströmen und nicht mehr zum Stillstand kommen würden

Wo kriegst du eigentlich deine Ideen her
Vom Stillsitzen

Von allem, was auf mich einprasselt
Meine getippten Worte kommen den (ich habe kein angemessenes Wort dafür) in meinem Kopf nicht hinterher

Da sind

Kinderbücher, die davon handeln, dass Kindervorstellungen real sind, wie Feuerspringen – der Boden ist Lava! – die Monster sind echt, unterm Bett und im Schrank und die Wölfe im zweiten Stock, Fliegen – ich kann 10 Zentimeter über dem Boden schweben, die Straße vor meinem Haus ist ein reißender Fluss und wenn ich meinen Tauchrekord breche, werde ich zur Meerjungfrau, und alles ist schwarzweiß und bunt, wilde Strichzeichnungen mit knallbunten Farbwolken, die aussehen wie Bäume und wie meine Cousine und wie etwas, das Chris Riddell gezeichnet hat

Da ist

Eine Beerdigungscomic über Trauer, die absurd und lustig ist, bewegliche Bilder, die zu einer Zeichnung gefrieren, graublaue Striche, die krakelig in alle Richtungen führen und in ihrem Zentrum Figuren bilden, mit Aquarellfarbklecksen hauchdünn darüber und darunter wie etwas sehr trauriges und farbiges, fröhliches

Und ganz viel Handschrift, wie ein Tagebuch, das nachträglich geschrieben wird, die Sätze schlängeln sich in Balken eine linke Spalte herab und betiteln dann einzelne Bilder

Wie entsteht das

Es sieht ganz anders aus, wenn ich es mache

Wie funktioniert das Machen

Es ist wie

Aus der Erinnerung etwas aufschreiben

Eine Erinnerung, die man solange und intensiv mit sich rumträgt, dass man jedes Detail daraus haargenau beschreiben kann, und mit der Zeit sind zu der Erinnerung noch weitere Empfindungen gekommen, oder jemand hat etwas hinzugefügt, was man vergessen hat, oder irgendwo ist jetzt eine Lücke, an die man sich nicht mehr erinnert

Zeichnen ist wie eine Erinnerung an etwas, das noch nicht passiert ist und an das man sich erst erinnert, während man zeichnet

Auch Schreiben funktioniert so

Man sammelt und sammelt und sammelt, Dinge, die man wichtig findet, Dinge, die einem gar nicht auffallen, und Dinge, die man erst versteht, wenn man sie ausspricht

So funktioniert Zeichnen

Und Schreiben

 

Wo kriegst du eigentlich deine Ideen her

von
Fußball-EM, Massentierhaltung, Abendessen, Wind in den Blättern, Regelschmerz, Terroranschlag in Istanbul, Kim Kardashian, 30. Geburtstage, Glasgow (ganz ohne brexit), vergessen, warum man sauer auf jemanden war, Eisbär-Dokumentation, Nanotechnologie, Karamellsauce (alles mit UND oder ODER dazwischen)

von unzähligen Artikeln über Repräsentation
Warum sehen wir nur weiße schöne dünne heterosexuelle Menschen
Und wie schreibe ich eigentlich schwarze asexuelle kahlrasierte autistische pummelige muslimische faltige Menschen (alles mit UND oder ODER dazwischen)

Die Antwort ist
Genau so

Oder  besser:
Wenn du über Hautfarbe, Geschlecht, Körperlichkeit, Religion schreiben willst
Frag Menschen mit dieser Hautfarbe, diesem Geschlecht, diesem Körper, dieser Religion um Rat

Wenn du über einen wagemutigen Piratenkapitän eines Luftschiffs im New York der 20er Jahre oder eine Cyborgprinzessin eines Sumpfplaneten im 5. Jahrtausends oder einen Kurzwarenhändler um die Ecke schreiben willst

Kannst du machen, was du willst
Dann können sie alles sein

Ich kenne

bisexuelle schwache asexuelle geduldige homosexuelle pinkhaarige borderlinige autistische laute bärtige krebsüberlebende cholerische tiefgläubige atheistische buddhistische verwitwete Menschen

deren Geschichten nicht im Kino laufen

außer, wenn nur eine dieser Eigenschaften thematisiert wird

anstatt sie normal zu finden

ich freue mich auf all diese Geschichten

und darauf, sie zu zeichnen