Der Versuch, mit Worten zu zeichnen

(ich tippe, mit 4 Fingern)

Ich vermisse das Zeichnen körperlich

Wenn ich könnte, wie ich wollte, glaube ich, dass die Bilder aus meinen Fingern herausströmen und nicht mehr zum Stillstand kommen würden

Wo kriegst du eigentlich deine Ideen her
Vom Stillsitzen

Von allem, was auf mich einprasselt
Meine getippten Worte kommen den (ich habe kein angemessenes Wort dafür) in meinem Kopf nicht hinterher

Da sind

Kinderbücher, die davon handeln, dass Kindervorstellungen real sind, wie Feuerspringen – der Boden ist Lava! – die Monster sind echt, unterm Bett und im Schrank und die Wölfe im zweiten Stock, Fliegen – ich kann 10 Zentimeter über dem Boden schweben, die Straße vor meinem Haus ist ein reißender Fluss und wenn ich meinen Tauchrekord breche, werde ich zur Meerjungfrau, und alles ist schwarzweiß und bunt, wilde Strichzeichnungen mit knallbunten Farbwolken, die aussehen wie Bäume und wie meine Cousine und wie etwas, das Chris Riddell gezeichnet hat

Da ist

Eine Beerdigungscomic über Trauer, die absurd und lustig ist, bewegliche Bilder, die zu einer Zeichnung gefrieren, graublaue Striche, die krakelig in alle Richtungen führen und in ihrem Zentrum Figuren bilden, mit Aquarellfarbklecksen hauchdünn darüber und darunter wie etwas sehr trauriges und farbiges, fröhliches

Und ganz viel Handschrift, wie ein Tagebuch, das nachträglich geschrieben wird, die Sätze schlängeln sich in Balken eine linke Spalte herab und betiteln dann einzelne Bilder

Wie entsteht das

Es sieht ganz anders aus, wenn ich es mache

Wie funktioniert das Machen

Es ist wie

Aus der Erinnerung etwas aufschreiben

Eine Erinnerung, die man solange und intensiv mit sich rumträgt, dass man jedes Detail daraus haargenau beschreiben kann, und mit der Zeit sind zu der Erinnerung noch weitere Empfindungen gekommen, oder jemand hat etwas hinzugefügt, was man vergessen hat, oder irgendwo ist jetzt eine Lücke, an die man sich nicht mehr erinnert

Zeichnen ist wie eine Erinnerung an etwas, das noch nicht passiert ist und an das man sich erst erinnert, während man zeichnet

Auch Schreiben funktioniert so

Man sammelt und sammelt und sammelt, Dinge, die man wichtig findet, Dinge, die einem gar nicht auffallen, und Dinge, die man erst versteht, wenn man sie ausspricht

So funktioniert Zeichnen

Und Schreiben

 

Wo kriegst du eigentlich deine Ideen her

von
Fußball-EM, Massentierhaltung, Abendessen, Wind in den Blättern, Regelschmerz, Terroranschlag in Istanbul, Kim Kardashian, 30. Geburtstage, Glasgow (ganz ohne brexit), vergessen, warum man sauer auf jemanden war, Eisbär-Dokumentation, Nanotechnologie, Karamellsauce (alles mit UND oder ODER dazwischen)

von unzähligen Artikeln über Repräsentation
Warum sehen wir nur weiße schöne dünne heterosexuelle Menschen
Und wie schreibe ich eigentlich schwarze asexuelle kahlrasierte autistische pummelige muslimische faltige Menschen (alles mit UND oder ODER dazwischen)

Die Antwort ist
Genau so

Oder  besser:
Wenn du über Hautfarbe, Geschlecht, Körperlichkeit, Religion schreiben willst
Frag Menschen mit dieser Hautfarbe, diesem Geschlecht, diesem Körper, dieser Religion um Rat

Wenn du über einen wagemutigen Piratenkapitän eines Luftschiffs im New York der 20er Jahre oder eine Cyborgprinzessin eines Sumpfplaneten im 5. Jahrtausends oder einen Kurzwarenhändler um die Ecke schreiben willst

Kannst du machen, was du willst
Dann können sie alles sein

Ich kenne

bisexuelle schwache asexuelle geduldige homosexuelle pinkhaarige borderlinige autistische laute bärtige krebsüberlebende cholerische tiefgläubige atheistische buddhistische verwitwete Menschen

deren Geschichten nicht im Kino laufen

außer, wenn nur eine dieser Eigenschaften thematisiert wird

anstatt sie normal zu finden

ich freue mich auf all diese Geschichten

und darauf, sie zu zeichnen

Illustration: Mit links mach ich das.

Seit 6 Monaten habe ich eine Sehnenscheidenentzündung, der ich u.a. die Abmeldung meiner Bachelorarbeit verdanke. Ich sehe das positiv, wirklich. Es war noch nie einfacher, ohne schlechtes Gewissen endlos Serien zu bingewatchen.

Dinge, die ich sonst immer mache, aber jetzt nicht kann: zeichnen, malen, schreiben, Gitarre spielen. Auch: rudern.

Dinge, die ich jetzt kann: mit links zeichnen. Ich muss mich jetzt sogar zurückhalten, damit sie sich auch mal ausruhen kann.

Linker Bücherwurm

Ich sehe mittlerweile meine Hände als eigenständige Kreaturen an. Nicht „ich“, sondern „ich und meine Hand und meine andere Hand“. Die linke macht, die rechte stöhnt: „Booh, ist die langsam, lass mich das mal machen“, und ich so, „Schnauze, du bist kaputt, du hast garnichts zu melden, die muss das doch lernen,“ und die linke so: „Laaaangsam…und dann in diiiie Richtung…“ (vergleiche Firefox vs Internet Explorer).

Ich tippe das übrigens mit 2 verbundenen Händen und die Zeigefinger gucken raus und tippen das. Sie sehen aus wie 2 dicke schwarze Pelztierchen mit Fühlern. Ridiculous.

Es fühlt sich noch immer an, als würde die Info aus meinem Gehirn eine Sekunde zu spät in meiner Hand ankommen. Aber das Ergebnis gefällt mir. Es macht mich sogar richtig stolz, dass meine linke Hand in 6 Monaten so weit gekommen ist. Ich meine: oh, Mann.

Dinge, auf die ich mich freue, wenn Firefox wieder läuft:

Ein Graphic Novel. Noch ein Graphic Novel. Ein illustriertes Kindheitstraumtagebuch. Ein Linolschnitt. Eine neue 1×1-Meter-Organ-Leinwand. Ein illustrierter Adventskalender. Ein Wald-Comic mit Observatorium. Das wird so gut.

Aber jetzt: Vorhang auf für die linke Hand.

So fing es an im Januar:

Ich mag den Stil gern, aber nichts davon war so geplant, wie ich es haben wollte. Und ein Stift war bisher das einzige, was ich wirklich kontrollieren konnte. Und

hier merkt man von der Stimmung her schon ein bisschen die Frustration. Aber

dann hab ich angefangen, bei jedem Frusterationsanzeichen ein Bild zu machnen und

 

 

et wird.

Bücherschlange

mein Hirn zerfressen von links-autonomen Bücherwürmern. Et wird.

Bücherwurminvasion